Das Lager in Krefeld war früher ein Lokal mit einem großen Tanzsaal. Den Tanzsaal hatte man einfach mit mannshohen Stellwänden aufgeteilt, wie große Kaninchenställe. Die separaten Wohnbereiche sollten Intimsphäre suggerieren und das taten sie auch, denn alle redeten und benahmen sich auch sonst in ihren Kaninchenställen mit normaler Lautstärke und nach zwei Tagen wusste ich alles über jeden im Saal.
Wir hatten Glück, wir bekamen ein separates Zimmer. Das war kein außergewöhnliches Privileg, sondern einfach der Tatsache geschuldet, dass meine Mutter mit Paratyphus in Hamburg im Krankenhaus gelegen hatte. Der Typhus war nicht mehr ansteckend, aber die Krankheit heilt wohl nie ganz aus. Wenigstens war das damals Stand der Medizin.
Ich musste jetzt auch jeden Tag in die Schule fahren, erst mit der Straßenbahn, später mit dem Fahrrad. Die Zeit des Müßiggangs war vorbei.
Gleich zu Anfang, in der zweiten oder dritten Woche, musste ich vor die Klasse treten und der Klassenlehrer, den wir Möli nannten, verlangte von mir, etwas von den russischen Besatzern und der sowjetisch besetzten Zone zu erzählen, von den Verhältnissen dort. Ich habe von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erzählt, von Thälmann, wie viel Spaß ich als Junger Pionier gehabt hätte und wie schön es in der DDR gewesen sei und dort gäbe es keine Konterrevolutionäre und auch keine Amerikaner, so wie hier im Westen. Möli sah mich sehr verwirrt, fast verzweifelt an und hauchte nur: »Setzen.«
»Du bist ja ein richtiger kleiner Kommunist, deine Eltern wären mit dir besser drüben geblieben«, sagte Möli mit theatralisch ausgebreiteten Armen an die Klasse gewandt, als er seine Stimme wiedergefunden hatte.
»Da müssen wir wohl noch etwas Geschichte pauken, damit du verstehst, wer unsere Befreier waren – das waren die Amerikaner«. Er war schon ein guter Schauspieler, unser Möli.
Es war mir wirklich ziemlich schnurz, wer uns befreit hatte. Ich wusste schon, was Möli eigentlich von mir hatte hören wollen. Aber er war mir von der ersten Minute an mit seinem gönnerhaften Getue auf die Nerven gegangen, mit seinem blöden Gerede von den armen Brüdern und Schwestern aus dem Osten. Ich wollte ihn einfach auf Abstand halten und das gelang mir auch. Wenn ich ihn so richtig piesacken wollte, dann musste ich im Geschichts- oder Deutschunterricht das Gespräch nur auf die Nazi-Zeit bringen, was damals ziemlich schwer war, denn alle Erwachsenen und besonders unsere Lehrer wichen diesem Thema aus. Im Geschichtsunterricht hörte die Zeitrechnung bei 333 – große Keilerei mit den Griechen auf. Alles, was danach kam, war anrüchig. Sogar die Römerzeit war nur etwas für mutige Lehrer, denn da kamen Germanen vor und die waren gründlich in Verruf geraten.
Erdkunde war auch gut. Man brauchte nur mit den Grenzen von 37 anzufangen, der Rest ergab sich von selbst. Was war Möli anfangs kleinlaut, schnappte nach Luft wie ein Karpfen auf dem Trockenen. Später entwickelte er eine Gegenstrategie, lenkte dann sofort um auf seine Heldentaten als Soldat. Bis ihm dann herausrutschte, er sei während des Krieges in Frankreich stationiert gewesen und einen richtigen Krieg hatte es da nicht gegeben, das wusste sogar ich.
Solange ich auf dieser Schule war, führte ich einen Kleinkrieg gegen Möli, eher einen Zwergenaufstand, denn letzten Endes siegte er, er saß am längeren Hebel und auf den Zeugnissen bekam ich die Quittung für mein aufmüpfiges Verhalten. Und einer der besseren Schüler war ich nun wirklich nicht, bot reichlich Angriffsfläche für Kritik. Im Erdkundeunterricht sollten wir einmal eine Karte von Deutschland zeichnen. Ich zeichnete eine Karte von Afrika mit allen Details. Auf die Feststellung von Möli, meine Karte habe nicht die geringste Ähnlichkeit mit Deutschland, sagte ich: »Kann ja auch nicht, ist Afrika, sieht man doch deutlich. Da ist der Kongo, dort der Nil«.
»Und weshalb zeichnest du Afrika, wir reden doch über Deutschland?«, wollte er wissen.
»Afrika ist viel interessanter, ich fahre da bald hin!« Er hat mich angeguckt, als ob ich nun endgültig meschugge sei. Mein Ruf an dieser Schule war wirklich nicht der beste.
Die Einheimischen waren nicht alle begeistert von mir. Man kann ein Schwein, ein Drecksack oder auch ein Arschloch sein. Das Schlimmste, was man nach Meinung vieler Einheimischer zu einem anderen sagen konnte war: Du Flüchtling. Ich bekam das auch zu hören, aber mir war es schnurz, meistens. Einmal war es mir nicht schnurz und ich habe einem einheimischen Mitschüler eine gelangt, und ihn mit seinem dicken Hintern auf dem Fußboden geschickt, und er verdrehte die Augen und heulte. Es war ein ziemliches Theater, was Möli da mit mir veranstaltete, denn der Schüler war der Sohn eines einflussreichen Bürgers der Stadt, Apotheker oder so was in der Art, zumindest einflussreicher als mein Vater, der ohne jeden Einfluss war. Ich musste mich entschuldigen, wusste aber nicht so recht weshalb. Jedenfalls hatte ich ab sofort meine Ruhe und das war mir die Sache wert.
Im Lager Krefeld waren wir etwa ein Jahr, dann bekamen wir vom Wohnungsamt, so etwas gab es damals noch, eine Wohnung zugewiesen. Das waren nach mehr als zwei Jahren Flucht wieder die ersten eigenen vier Wände. Die Wohnung war sehr klein, zwei Zimmer und eine Küche für fünf Personen. Ich fühlte mich dort schon nach ein paar Tagen nicht mehr wohl. Im Lager hatte ich viel mehr Freiheiten, niemand konnte mich kontrollieren, niemand hat es auch nur versucht.
