Montag, 2. Mai 2016

Turkana - Blutiges Afrika

 Die Straße war erstaunlich gut, ähnlich der Küstenstraße von Mombasa nach Watamu, auf der sie die tote Schlange gefunden hatten. Motor und Fahrgestell des Busses schienen in gutem Zustand zu sein, der Motor lief rund, nur der Aufbau knirschte und klapperte, als wollte er sich hinter der nächsten Kurve in seine Bestandteile auflösen. Die Sitze waren arg verschlissen.
Die Frau neben ihm war eingenickt. Das Mädchen lag auf ihrem Schoß, war halb auf seinen gerutscht. Nach zwei Stunden etwa gingen zwei Frauen zum Fahrer und diskutierten heftig mit ihm, zeigten immer wieder nach draußen. Eine hob ihren Rock bis zu den Knien und deutete an, sie wollte sich sofort auf den Gang setzen.
Der Fahrer fuhr an den Straßenrand, wo keine Büsche standen, und schaltete den Motor aus. Rechts und links der Straße sah Harry offene Savanne, vereinzelt spärliche Sträucher und halbhohe Affenbrotbäume. Die Frauen stiegen aus und inspizierten den Boden zwischen den Sträuchern, schüttelten mit langen Stöcken die Büsche. Dann hoben sie ihre Röcke und hockten sich hin, erledigten ihr Geschäft. Die Männer waren auch ausgestiegen und Harry schloss sich ihnen an. Sie gingen weg von den Frauen auf die andere Straßenseite und pinkelten zwischen die Büsche.
Der Fahrer hupte, alle eilten zurück und sie fuhren weiter. Nach einiger Zeit wurde der Baumbestand dichter und zwischen den Bäumen standen graue Kolosse mit wedelnden Ohren - Elefanten. Sie standen eng zusammen, man konnte nicht sehen, wie viele es waren, zehn Tiere vielleicht. Das Mädchen neben ihm zeigte auf die Elefanten, wie ein Kind in Deutschland auf weidende Kühe gezeigt hätte. Ein paar Brocken Swahili verstand er inzwischen und er sagte: »Tembo - Tembo.«
Sie lachte, klatschte in die Hände, dann zeigte sie auf einen Baum und sagte etwas, wovon Harry nur »Tumbili« verstand. Er blickte zum Baum und sah Affen, die in der Baumkrone herumturnten.
»Tumbili«, sagte er und die Kleine freute sich und sagte wieder etwas zu ihrer Mutter.
»Where are you from?«, fragte die Frau.
»From Germany. Wie heißt deine Tochter?«
»Amara«, sagte sie stolz. »Ich bin Jamila«, fügte sie hinzu und sah ihn fragend an. Sie hatte eine sehr dunkle, rauchige Stimme.
»Ich bin Harry.«
Sie fuhren durch die schier endlose Savanne und immer wieder sahen sie Tiere direkt neben der Straße, für die man in Deutschland einen größeren Zoo besuchen musste.
»Simba?«, sagte Harry und zeigte hinaus.
Amara patschte ängstlich ihre Hände vor das Gesicht und blinzelte durch die Finger. Die Mutter lachte und sagte etwas auf Swahili zu ihr, wahrscheinlich - der Mann mit der ungesunden weißen Haut redet dummes Zeug.
»So dicht an der Straße gibt es keine Löwen«, sagte sie auf Englisch. »Man muss aber nicht weit laufen, dann sieht man sie.«
Die Straße war jetzt schmaler, nur selten kam ihnen ein Fahrzeug entgegen oder überholte sie.
Der Erdboden war von einem rötlichen Braun. Vereinzelt gab es grüne Flächen mit hohem Gras, dazwischen breit ausladende Akazien und Affenbrotbäume. Das gelb vertrocknete Gras stand stellenweise mannshoch.
Jamila sagte: »In den Sträuchern und im Gras liegen oft Löwen. Man sollte immer zu viert oder fünft gehen, dann passiert nichts. Meistens haben sie mehr Angst, als die Menschen. Wir riechen nicht gut für sie.«
»Ich werde es nicht ausprobieren«, erwiderte er grinsend.
»Früher waren wir mit unseren Herden hier oft unterwegs, das ist schon Tsavo-Gebiet.«
Sie zögerte. »Ich bin eine Massai«, sagte sie dann und Stolz klang mit. Prüfend sah sie ihn an, wartete auf seine Reaktion.
»Oh, das hätte ich nie vermutet. Massai - das sind für mich hochgewachsene Männer, die mit ihren Speeren in der Hand in die Höhe hüpfen.«
Sie lachte schallend. »Das tun sie auch - für die Touristen. Sonst nur bei Beerdigungen und Hochzeiten.«
»Jetzt ziehst du nicht mehr mit den Herden?«
»Nein, nicht mehr. Ich bin in Arusha zur Schule gegangen, jetzt arbeite ich bei der Post in Malindi, ich habe ja auch Amara.«
»Was machst du bei der Post?«
»Im Telegrafenamt. Meine Brüder ziehen noch immer mit den Herden durch die Savanne. Sie finden nicht genug Wasser, deshalb müssen sie ständig unterwegs sein - sie folgen dem Wasser. Nicht mehr so viele Massai wandern umher. Heute sind die Herden viel kleiner, es hat Seuchen gegeben, viele Tiere sind gestorben.« Sie kicherte. »Die keine Kühe mehr haben, sitzen zu Hause, lügen den Frauen was von ihren Abenteuern vor und machen neue Massai.«
Bei der Bemerkung lachte sie schallend, als sei Massai machen ein großer Spaß.
»Was war das für eine Schule?«
Wieder lachte sie, als sei das Leben insgesamt ein großartiger Witz.
»Eine Schule für Techniker. Ich habe großes Glück gehabt, normalerweise nehmen sie nur Männer und dann auch keine vom Stamm der Massai. Die Kikuyus sagen: Alle Massai sind dumm und können nicht mal ihre Kühe zählen. In den Verwaltungen sitzen nur Kikuyus, an denen kommt keiner vorbei. Ich habe erst Schreiben und Lesen gelernt und wie man mit Computern umgeht. Jetzt arbeite ich auf dem Telegrafenamt und sitze am Computer.«
Sie zeigte auf die schlafende Amara. »Ihr Vater ist ein Kikuyu. Er ist Leiter der Schule, auf die ich gegangen bin.«
Sie lachte erneut ihr dunkles Lachen.
»Ohne ihn hätten sie mich in der Schule nicht aufgenommen. Als ich einen dicken Bauch bekam, verschaffte er mir die Arbeit im Telegrafenamt. Er hatte schon eine Frau.«
Harry wartete auf ihr lautes Lachen, aber sie kicherte nur dezent. »Aber ich hatte einen Job.«
Dann warf sie doch noch den Kopf in den Nacken und lachte, dieses Mal lautlos.
»Weißt du, was es heißt, in Kenia als Frau eine technische Ausbildung zu bekommen und dann auch noch im Telegrafenamt an Computern arbeiten zu dürfen?«
»Ich kann es mir denken«, sagte Harry vage und dachte an Afghanistan. So unterschiedlich waren die Länder nicht, zumindest, was die Stellung der Frau anbetraf.
»Du bist Deutscher, du musst nicht arbeiten. Bei euch kommt immer Wasser aus der Leitung und man kann es auch trinken«, stellte sie kategorisch fest.
»Das stimmt nicht, in Deutschland müssen die Menschen auch arbeiten, es ist eine andere Arbeit als hier. Aber das Wasser können wir trinken, das ist richtig.«
»Siehst du!« Sie hob ihren Finger wie in der Schule. »Weißt du, wie lange ich früher in meinem Dorf zum Brunnen laufen musste? Und während der Dürrezeit, wenn die Brunnen nicht genug Wasser hatten, wurden oft alle Dorfbewohner krank, wenn wir davon getrunken hatten. Manchmal fielen auch kleine Tiere in die Brunnen und krepierten. Dann waren wir tagelang krank, weil das Wasser vergiftet war.«
Sie überlegte, fügte dann hinzu: »Nicht alle werden krank, nur die Kinder und die Alten und die sterben dann auch.«
Sie versank eine Weile in nachdenkliches Schweigen, sah dann zur schlafenden Amara, die zur Hälfte auf Harry Schoß lag.
»Was hast du in Deutschland gearbeitet? Brunnen gebohrt und Häuser gebaut?«
»Ich war früher Soldat, jetzt nicht mehr.«
»Hast du gekämpft?«
»Manchmal, aber nur ein bisschen«, sagte er amüsiert und dachte an die Brunnen und Schulen, die sie angeblich in Afghanistan gebaut hatten.
»Ein bisschen kämpfen geht nicht. Man schießt und der Andere ist tot, oder der Andere schießt, und man selber ist tot. Wo hast du gekämpft?«
»In Somalia und in Afghanistan.«
»Somalia kenne ich, das ist nicht weit von hier ...«, sie lachte wieder schallend, »da kann man zu Fuß hingehen und meine Brüder tun das manchmal. Afghanistan? Wo ist das?«
»Weit weg, in der Nähe von China.«
Sie runzelte nachdenklich die Stirn, legte dabei einen Zeigefinger an die Nase.
»China, das ist sehr weit weg. Da gibt es gelbe Menschen.« Sie schüttelte sich. »Die sehen aus, als hätten sie das gelbe Fieber und würden morgen tot umfallen.« Sie schüttelte sich wieder. »Ich weiß, wo China ist.«
Sie zog mit dem Finger einen halbkreisförmigen Bogen durch die Luft und zeigte auf eine Stelle ihres Halbkreises. »Wir sind hier ...«, ihr Finger folgte dem Kreis, »China ist da hinten.«
»Das stimmt«, sagte Harry. »Japan ist noch weiter weg, die Menschen dort sind auch gelb.«
Er nahm ihren Finger, der noch in der Luft hing, führte ihn ein Stück neben China und sagte: »Hier ist Afghanistan.«
»Nicht so weit wie China«, sagte sie.

Die Kleine rekelte sich, rieb sich die Augen. Ihre Mutter nahm sie hoch und knuddelte sie, wie auch deutsche Mütter das mit ihren Kindern tun, und flüsterte ihr was ins Ohr. Sie bückte sich zu ihrer Tasche auf dem Boden, fand nicht, was sie suchte und setzte Amara auf Harrys Schoß.
»Halt sie mal.«
Sie hob die Tasche vom Boden und suchte darin herum, zog eine Plastikflasche heraus, schraubte sie auf und hielt sie der Kleinen an den Mund. Es sah aus wie Milch, roch süßlich, nach Früchten.
»Was ist das?«
»Das ist Maniok, ausgepresste Wurzeln und dazu Kokosmilch. Willst du probieren?«
Jamila hielt ihm die Flasche hin. Harry schüttelte den Kopf. »Wir fahren noch lange, das ist für Amara.«
Sie suchte erneut in ihrer Tasche und zog eine zerdrückte Papiertüte heraus, wickelte sie vorsichtig auseinander. Etwas, das an aufgeweichte und fetttriefende Brötchen erinnerte, kam zum Vorschein.
»Möchtest du?«
Sie hielt ihm mit einem fast bittenden Tonfall die Tüte vor den Mund. Harry zögerte und Jamila ergänzte: »Kannst du ruhig essen, ich habe die Seuche nicht.« Auffordernd hielt sie ihm die Tüte hin.
Vorsichtig brach Harry ein Stück ab. Es schmeckte gut, nach sehr viel Öl und angenehm bittersüß.
»Du aber auch«, sagte er. »Ich will euch nicht euren Proviant wegessen.«
»Wir kommen gleich in ein Dorf, da besorgen wir Wasser und noch etwas ganz Besonderes für Amara.«
Sie beugte sich zu der Kleinen und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Amara strahlte. Sie saß immer noch auf Harrys Schoß. Er brach von seinem Stück etwas ab und hielt es ihr hin. Sie beugte sich vor, nahm es wie ein kleines Tier mit ihren Mund und leckte dann seine Finger ab.
»Was meintest du gerade mit Seuche?«, fragte er.
»Wir sagen Seuche, die Weißen nennen es Aids. Ich habe die Seuche nicht; du kannst ruhig mit uns essen und trinken.«