Montag, 2. Mai 2016

Leseprobe aus EBOLA

 Es stinkt nach Urin und verwestem Fleisch. Unangenehm und gefährlich. Etwas kratzt über mein Gesicht. Haare, harte Borsten, eine raue Zunge. Eine Pfote streift über meine Brust, ein teuflischer Schmerz durchzuckt mich und ich stöhne. Mühsam öffne ich die Augen und blicke in Hundegesichter. Schwarze Schnauzen, gelbe Köpfe, pelzige Ohren, löffelförmig, gelb-schwarz gefleckte Körper. Ich stoße einen Schrei aus und kläffend weichen sie zurück.
Acht oder zehn Wildhunde umlauern mich, beobachten mich, winseln, kommen hechelnd vorsichtig auf mich zu, sind sich nicht sicher, ob ich noch gefährlich bin oder fressbares Aas. Näher und näher kriechen sie, knurren, ducken sich auf den Boden, beißen sich futterneidisch gegenseitig weg. Ich will schreien, es wird nur ein dumpfes Keuchen. Mühsam wälze ich mich auf den Bauch und versuche, auf die Knie zu kommen. Der Schmerz in der Brust will mich zerreißen. Die Hunde weichen winselnd zurück, kommen sofort wieder näher, robben unterwürfig über den Boden. Sie lieben mich, ich bin Futter.
Wenige Meter von mir entfernt sehe ich einen Ast. Ich krieche darauf zu, er ist zum Teil im Boden vergraben. Ich greife nach ihm, zerre ihn aus dem harten Boden, meine Brust schmerzt höllisch bei der Anstrengung. Mühsam richte ich mich auf, stütze mich auf den Ast wie auf eine Krücke. Die Hunde beobachten mich, winseln leise, warten. Sie haben Zeit.
Einige Meter entfernt sehe ich einen Baum mit einem breiten Stamm. Ich stütze mich auf den Ast, humpele auf ihn zu. Nur ein paar Meter, eine schier endlose Strecke. Mein Atem rasselt, der stechende Schmerz in der Brust will mich zerreißen.
Einer der Hunde, wohl der Leithund, fährt unerwartet heftig auf mich los, schnappt nach meinen Beinen, bekommt den Stoff der Hose zu packen. Knurrend zerrt er daran. Die anderen rücken näher. Noch haben sie Angst, kriechen über den Boden. Ich zerre den Hund an meinem Hosenbein hinter mir her, erreiche den Baum, lehne mich mit dem Rücken dagegen. Ein zweiter Hund springt mir gegen die Brust und verbeißt sich in meiner Khaki-Jacke. Ein dritter zerrt an dem anderen Hosenbein, erwischt mit seinen Zähnen meine Wade. Die anderen Hunde beobachten nur. Wenn ich jetzt falle, ist das mein Ende.
Verzweifelte Wut packt mich, es sind doch nur räudige Köter. Wütend springe ich auf sie los und lasse den Ast um mich wirbeln, taumele dabei, wäre beinahe gefallen, lehne mich mit dem Rücken gegen den Baum. Die Hunde legen sich auf den Boden, beobachten mich.
Nicht weit von mir liegen die qualmenden Trümmer der Maschine. Der Rumpf ist zerfetzt, das Leitwerk abgerissen, es ragt spitz in den Himmel. Es stinkt nach Kerosin. Um das Wrack ist das Buschwerk schwarz verbrannt, es glimmt noch.
Am qualmenden Wrack der Maschine vorbei sehe ich die glutrote Sonnenscheibe auf den Horizont zufallen. Dicht am Äquator dauert die Dämmerung wenige Minuten, dann ist es Nacht. Irgendwie muss ich auf den Baum klettern, die Wildhunde erwischen mich sonst heute Nacht. Ich blicke nach oben. Die niedrigste Astgabel ist in greifbarer Nähe. Ich lange hinauf, kann nichts greifen, rutsche immer wieder ab. Der Stamm ist zu dick.
»Ihr Scheissköter«, brülle ich, springe auf die Hunde zu und lasse meinen Knüppel kreisen. Sie weichen nur wenige Meter zurück, grinsen mich an.
Das helle Rot der versinkenden Sonnenscheibe verfärbt sich mehr und mehr, wird dunkelrot. Nicht mehr als eine viertel Stunde, dann ist es Nacht, und die Hunde werden mich erledigen. Die Hyänen balgen sich um das, was sie von mir übrig lassen. Zum Schluss kommen die Löwen und fressen die Reste, brechen die Knochen. Ein blutig verfärbtes Stück Erde wird von mir noch vorhanden sein. Das ist für die Ameisen und Käfer. Dann bin ich ohne jede Spur von der Erde verschwunden. Kein Stein, kein Grab, nichts.
Ein paar Sachen wollte ich noch erledigen. Abschiedsbriefe, letzte Telefonanrufe. Ein paar Menschen wollte ich um Verzeihung bitten. Ihr werdet nichts von mir hören. Ihr müsst mich weiter hassen, ich kann mich nicht verabschieden, keine Erklärung geben für Gemeinheiten, die ich euch angetan habe. Ihr erfahrt nicht einmal, warum ich mich nicht melde, dass mich ein paar räudige Wildhunde erledigt haben. So habt ihr alles Recht dieser Welt, mich weiter für einen Scheißkerl und Schlimmeres zu halten.
Langsam rutsche ich mit dem Rücken an dem Baum herunter, Tränen laufen mir über das Gesicht. Lauernd beobachten mich die Hunde, kriechen näher.
Ein Ruck geht durch die Meute und sie blicken aufmerksam an den qualmenden Trümmern des Flugzeuges vorbei.
Stimmen kommen näher, rhythmisches Stampfen. Sie kommen auf mich zu, Erleichterung. Sie haben mich nicht erwischt. Noch nicht. Massai - baumlange schmale Kerle, dunkle Gesichter, eingehüllt in bunte Tücher. Fünf Männer sind es. Jeder hält eine Lanze in Händen, länger als sie selbst. Sie springen auf die Hunde los, lassen die Lanzen über ihren Köpfen kreisen, trampeln hart auf den Boden. Die Hunde weichen winselnd mit eingeklemmten Ruten zurück, jagen dann wild kläffend davon.
Ich sitze mit dem Rücken gegen den Baum, sacke zur Seite. Ein Gesicht beugt sich über mich.
»Mister?«, sagt der Mann. »Kunywa maji.«
Swahili, ich soll trinken. Er hält mir etwas vor das Gesicht, lässt Wasser aus einem Ziegenschlauch über mein Gesicht und in meinen Mund träufeln. Gierig schlucke ich. Ich habe es geschafft, bin nicht zu Hundefutter geworden. Erleichtert lasse ich mich fallen.

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